Architekten und Kommunikation – das hilft gegen selbsterfüllende Prophezeiungen und Bestätigungsfehler

Ein Gastbeitrag von textart by ute Latzke®

Jeder kennt sie, viele pflegen sie: gelernte Früh- und Vorurteile, Verallgemeinerungen und festgefahrene Denkmuster. Menschen wählen Informationen selektiv aus, um ihr subjektives Weltbild zu bestätigen. Lesen Sie über falsche Glaubenssätze – darunter der Confirmation Bias – unter Architekten, warum diese die Kommunikation torpedieren und wie Sie sie auflösen.

Confirmation Bias bedeutet Bestätigungsfehler. Der Fachbegriff geht zurück auf den britischen Psychologen Peter Wason. Beliebte Spielarten sind die „selbsterfüllende Prophezeiung“ und das „Berufen auf höhere Autoritäten“ (Authority Bias). Niemand ist frei davon, doch kursieren diese Bestätigungsfehler gerade auch unter Architekten. Auffallend ist, dass die Glaubenssätze fast nur negativ besetzt sind.

Der Kö-Bogen in der Düsseldorfer Innenstadt (Foto: Ute Latzke)

Der Kö-Bogen in der Düsseldorfer Innenstadt (Foto: Ute Latzke)

„Glaubenssätze und Denkmuster sind fast immer nur negativ.“ Richtig!

Architekten und Planer orientieren sich in der Kommunikation oder beim Netzwerken meist an der „Peergroup“: Mitbewerber, Branchenakteure, Fachmedien oder Architekturkritiker. Das führt dazu, dass kaum neuen Impulse von außen kommen. Oder sind sie vielleicht gar nicht erwünscht?

Die Stimmen aus der eigenen Blase festigen unzutreffende Überzeugungen und vorgefertigte Meinungen. Beispiel: Nutzen und Sinn von Digitalisierung, Website, Text und Social Media. Hierbei herrscht in der Architekturbranche ohnehin wenig Enthusiasmus oder gar Leadership vor.

Jeder kennt jemanden, der wiederum weiß oder gehört hat, dass das alles nichts bringt! Oder dass sich Investitionen in Digitalisierung nicht lohnen. Oder dass Neugeschäft über Social Media nicht möglich ist oder… Das sind typische kognitive Verzerrungen und Denkfallen, die fast immer nur negativ besetzt sind. Hier ein paar Beispiele.

„Architektur und unsere Gebäude erklären sich von selbst.“ Falsch!

„Gelungene Gebäude, zumal preisgekrönt, sprechen für sich bzw. unsere Arbeit.“ Das immer noch weit verbreite Credo ist haltlos! Die Bringschuld, andere Zielgruppe oder Öffentlichkeit zu informieren, liegt bei den Architekten. Sie greifen schließlich in Ort und Raum ein.

Wer andere vor vollendete Tatsachen stellt, ohne Projekte zu begleiten, darf sich nicht wundern, dass Fronten entstehen. Zumal es Architekten eine Freude und Mission sein darf, Menschen für die eigenen Projekte zu begeistern. Bitte mehr Sendungsbewusstsein! Wer hier schweigt, überlässt anderen die Deutungshoheit.

Dazu ein treffendes Zitat von David Chipperfield (SZ-Magazin): „Die Menschen haben das Gefühl, Architektur sei etwas, was ihnen zustößt, was sie erleiden … Dass die Menschen auf Bausünden so lethargisch reagieren, liegt auch an der Unsichtbarkeit der Verantwortlichen.“

Auch Psychologe Prof. Ryklef Rambow vom KIT weiß, dass Architektur nicht selbsterklärend ist: „Zugleich ist sie aber etwas extrem Kompliziertes, kulturell Aufgeladenes, das sich überhaupt nicht selbst erklärt. Es gibt keine Selbstverständlichkeiten in der Architektur. Wenn wir einen Grundkonsens über Architektur und Baukultur herstellen möchten, dann müssen wir intelligent, offen, respektvoll und mit großer Geduld darüber sprechen“, (DAB online vom 30. September 2019).

„Authority Bias: Wer sich auf höhere Autoritäten beruft, festigt den Status Quo.“ Richtig!

Auch Architekten berufen sich gerne auf höhere Instanzen oder scheinbare Autoritäten: Kollegen, Freunde, Familie, Wettbewerber. Das nennt man Authority Bias und damit zementiert man den Status quo! Etwa so: Man holt sich die Bestätigung für die eigene Meinung, dass etwas Neues nicht funktioniert, nur um nicht zu handeln.

„Eine neue Website? Also das ist doch höchstens ein Werbeschild, darüber macht man doch kein Neugeschäft! BIM? Viel zu kompliziert… LinkedIn, Instagram, Podcast…? Positionierung, digitales Marketing…? Was soll das? Es läuft bei uns doch richtig gut, genau wie beim Müller! Also: brauchen wir alles nicht! Außerdem machen wir Wettbewerbe und werden angefragt…“ Eine Auslassung über den hohen Aufwand von Wettbewerben an dieser Stelle sprengt den Rahmen.

„Eine zeitgemäße Website ist nicht so wichtig, gehen wir nächstes Jahr an.“ Falsch.

Bei vielen Architekten ist die Dringlichkeit von Website, zielgerichteter Kommunikation und digitalem Marketing immer noch nicht angekommen. Fakt: Die Website ist und bleibt der wichtigste Marketingkanal. Laut einer B2B-Studie von eminded erhöhten 2020 etwa 65 Prozent der befragten Unternehmer ihr Onlinemarketing-Budget. Fast 80 % davon nutzen digitale Medien zur Lead-Gewinnung (Lead = qualifizierter Kontakt).

Eine weitere Studie zur Digitalisierung während der Corona-Krise von Bitkom-Research unter 1000 Unternehmern ergab ähnliches: 75 Prozent investieren 2020 in digitale in Technologien und stehen der Digitalisierung positiv gegenüber.

Die Bundesarchitektenkammer befragte 6000 Architekturbüros zur Krise. Die BAK-Studie ergab: Mehr als Zuschüsse zu beantragen, haben die meisten nicht getan. Investitionen in Digitalisierung, Website, Kommunikation oder vielleicht BIM …? Fehlanzeige.

„Social Media wie Instagram, LinkedIn oder Facebook bringen nichts.“ Falsch!

Das Gros der Architekten tutet ins selbe Horn: „Instagram, LinkedIn oder Podcast einsprechen, Blogartikel schreiben, Agendasetting betreiben, Postionierung und sichtbar werden…? Das bringt nichts, zu viel Arbeit, falsche Zielgruppe. Darüber kommt doch kein Neugeschäft, frisst nur Zeit.” Das sind Pauschalurteile!

Ja, Social Media und Contentmarkting sind aufwändig – wie alles, das man professionell betreibt. Instagram sehen viele leider nur als Bildplattform und erweitertes Portfolio. Es ist ein soziales Netzwerk. Deshalb geht es dort um Mehrwert und Inspiration der Community. Wer das strategisch angeht, schafft Vertrauen und Interesse.

„Mitarbeitergewinnung über soziale Netzwerke? Firlefanz.“ Falsch!

⁠Bei der Bedenkenträgerei darf ein Thema nicht fehlen: Recruiting, gerade auch von jungen Talenten. Es sollte jedem Architekten klar sein, dass der Nachwuchs bei der Wahl des Arbeitgebers auf folgendes achtet: Wie präsentiert sich das Büro als Arbeitgeber? Wie ist man digital aufgestellt? Nutzt man Instagram, Youtube, Linkedin oder Facebook, um Mitarbeiter anzusprechen? Welche Rolle spielen Website, BIM oder Tools wie VR und AR (Virtual und Augmented Reality) etwa zur Präsentation bei Wettbewerben? Von Vorteil ist, hier auf der Höhe der Zeit zu sein und neue Technologien willkommen zu heißen.

„Architekturbüro ist keine Marke und Baukultur kein Produkt.“ Falsch.

Architekten dürfen sich damit anfreunden, das eigene Büro und ihre einzigartige Arbeit als „Marke“ zu verstehen. Und auch wenn der Gedanke befremden mag, „Produkte“ zu verkaufen: Unterm Strich geht darum profitabel zu sein. Architekten übernehmen mit ihrer Arbeit Verantwortung für die Gesellschaft, ja. Sie haben aber auch welche für den Betrieb und die Mitarbeiter. Daher ist es wichtig, präsent am Markt zu sein mit einer klaren Positionierung und einer pro aktiven Kommunikationsstrategie. Positiv sehen: Noch nie hatten Unternehmen so viele technische Möglichkeiten, sichtbarer zu werden und in Kontakt mit Interessenten zu kommen.

6 Tipps für eine agilere Denke und mehr Neugier auf Neues

Tipp 1: Nehmen Sie die Digitalisierung positiv und stellen Sie Ihre Stärken heraus: Alleinstellung, Leistungen, Werte und das tolle Team dürfen Sie mit Freude kommunizieren. Eine hochwertige Website, soziale Netzwerke und digitales Marketing sind Ihre Bühne, die Sie bespielen dürfen. Betrachten Sie das als Chance und geben Sie Interessenten Gründe, warum er oder sie mit Ihnen in Kontakt treten sollte.

Tipp 2: Schauen Sie in Sachen Kommunikation nur auf Ihre Mitbewerber, wenn diese bereits weiter (!) sind als Sie. Nehmen Sie diese zum Vorbild, um Ihren Ehrgeiz zu entfachen. Lassen Sie sich inspirieren, spinnen Sie Ideen, aber bleiben Sie sich treu.

Tipp 3: Erweitern Sie Ihr Umfeld und Netzwerk. „Du bist der Durchschnitt der fünf Personen, mit denen Du die meiste Zeit verbringst.“ (Jim Rohn, Unternehmer und Motivationstrainer). Dazu passt auch das Motto: Wenn Du der Klügste im Raum bist, solltest Du den Raum verlassen.

Tipp 4: Lassen Sie sich inspirieren von Akteuren anderer Disziplinen, z.B. der digitalen Branche oder von Marketingprofis. Schließen Sie sich einer Mastermind-Gruppe an, die nicht nur aus Architekten besteht. Da kommt frischer Wind in die festgefahrene Denke.

Tipp 5: Reden und formulieren Sie „Kundisch“. Kommunizieren Sie klar verständlich und emotional mit der Zielgruppe: Bauherren, Interessenten, Nutzer, Umfeld, Öffentlichkeit und Nachwuchstalente. Die hier sind nicht Ihre Zielgruppe: Wettbewerber, Fachmedien oder Architekturkritiker. Erwarten Sie von denen Aufträge? Eher nicht.

Tipp 6: Investieren Sie in eine Kommunikationsstrategie und Website. Wenn die eigenen Mitarbeiter das nicht stemmen können, beauftragen Sie Experten und Agenturen. Lösen Sie sich von dem Glaubenssatz, Sie müssten das alles selbst erledigen! Experten nehmen Ihnen das gerne ab. Betrachten Sie die Ausgaben als lohnende Investition in die Zukunft Ihres Büro.

Über die Autorin

Ute Latzke ist Kommunikationsexpertin, Bloggerin und Texter für Architekten, Innenarchitekten und Entwickler (Foto: Ute Latzke)

Foto: Ute Latzke

Ute Latzke ist Kommunikationsexpertin, Bloggerin und Texter für Architekten, Innenarchitekten und Entwickler.

Als Fachautorin wurden ihre Beiträge in zahlreichen Magazinen veröffentlicht wie DAB, db, OpusC, TB Info, Greenbuilding Magazin, industrieBAU, Deutsches Ingenieurblatt, bau Rundschau.

Unter der Marke textart by ute Latzke® hilft sie Akteuren der Baubranche sichtbarer zu werden bei ihren Zielgruppen. Im Fokus stehen eine klare Positionierung, stilvolle Textkonzeptionen und Strategien für Instagram. Zum Einstieg und Kennenlernen bietet Ute Latzke einen Impuls-Call und den Website Check: Dabei gibt sie konstruktives Feedback in Sachen Design, Texte und SEO.

Weitere Informationen
Web: utelatzke.com, Instagram: @ute_latzke

 

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