„Schwarzer Rolli, Hornbrille“: Interview mit Buchautorin Karin Hartmann

In „Schwarzer Rolli, Hornbrille – Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur“ untersucht Karin Hartmann aus „intersektional-feministischer Perspektive die strukturellen Ursachen, die Frauen – und alle anderen Personen, die keine weißen cis Männer sind – aus der Branche verdrängen“, so der Pressetext.

Die Architektin und Baukultur-Expertin geht in ihrem Buch der Frage nach, wie Lehre, Fachdiskurs und Selbstverständnis in der deutschsprachigen Architekturszene diverser werden können.

Kurz nach dem Erscheinen des Titels (160 Seiten, 24 EUR, JOVIS, siehe unten) konnte ich mit Karin Hartmann dieses Interview führen.

Karin Hartmanns Buch "Schwarzer Rolli, Hornbrille" erschien im September 2022 bei JOVIS (Abbildung: Verlag)

Karin Hartmanns Buch „Schwarzer Rolli, Hornbrille“ erschien im September 2022 bei JOVIS (Abbildung: Verlag)

Warum hast Du dich entschieden, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen bestimmten Anlass?

Ich interessiere mich schon länger für Feminismus, aber bislang dachte ich, dass Architektur und Stadtentwicklung wenig damit zu tun haben, dass sie gesetzt sind, und dass es keinen Unterschied macht, wer plant – Hauptsache, das Ergebnis ist gut.

Insofern war ich einer in der Architektur ganz klassisch vertretenen Auffassung, eine Haltung, die es bislang verhinderte, Diskriminierung überhaupt als Problem wahrzunehmen. Denn dafür sorgte das Qualitätsargument: Durch die Annahme, nur das Ergebnis zähle, wurde vorausgesetzt, alle hätten die gleichen Zugangschancen zu Entwurf, Planung und Realisierung – so ist es aber leider nicht.

Studien zeigen, dass strukturelle Diskriminierung eine Rolle spielt. Und je nach Lebensrealität der Planerin oder des Planers entstehen unterschiedliche Räume, Architekturen und schließlich auch Quartiere und Städte.

Wie sah Deine Recherche im Detail aus?

Ich habe den Forschungsstand in Deutschland gesichtet, mit vielen unterschiedlichen Menschen aus der Branche gesprochen und laufende Meter Literatur zu räumlicher feministischer Praxis der letzten 40 Jahre gesichtet, die normalerweise nicht den Weg in die Architekturlehre findet.

Parallel habe ich intensiv den gesellschaftlichen Diskurs um gleiche Chancen beobachtet, der seit der Corona-Perspektive noch einmal intensiver geführt wird.

Wo siehst Du den dringendsten Handlungsbedarf in deutschen Planungsbüros?

In vielen Planungsbüros gibt es wenig Bewusstsein dazu, wie komplex die Thematik einerseits ist – aber andererseits auch, wieviel es zu gewinnen gibt. Schließlich können mehr Diversität und Chancengleichheit andere, vielfältigere Planungsergebnisse bedeuten, und auch eine höhere Wirtschaftlichkeit des Büros, da das voraussichtlich beste Potenzial gefördert wird.

Das ist natürlich wirtschaftlicher, als wenn junge, gut ausgebildete Frauen oder andere marginalisierte Personen das Büro wieder verlassen, weil sie sich z. B. in der „Machokultur“ des Büros nicht wiederfinden.

In der Seestadt Aspern bei Wien treten Jane Jacobs und Janis Joplin zusammen auf: Hier tragen die Straßen Frauennamen (Foto: Karin Hartmann)

In der Seestadt Aspern bei Wien treten Jane Jacobs und Janis Joplin zusammen auf: Hier tragen die Straßen Frauennamen (Foto: Karin Hartmann)

Gibt es länderspezifische Unterschiede? Was ist in Deutschland anders als in anderen Ländern?

Hier ist die Situation besonders, da die klassische Moderne die Lehre und Berufskultur mit ihren Protagonisten stark bis in die Gegenwart prägen.

Gesellschaftlich hingegen sind die familienpolitischen Anreize einer proklamierten Hausfrauenehe aus dem Westdeutschland der 1950er Jahre in ihren Auswirkungen noch spürbar: Das Ehegattensplitting, Minijobs und eine beitragsfreie Mitversicherung von Ehegatten machen Teilzeitjobs in der Tendenz weniger attraktiv, während Vollzeitjobs in der Architektur mit Care-Aufgaben kaum zu erfüllen sind.

Im Ankündigungstext zu Deinem Buch wird gefragt: „Wie gelingt ein Wandel in der Planungskultur?“ Was rätst Du Planungsbüros ganz konkret? Und was rätst Du Architektinnen?

Das eigene Büro diverser zu machen und unbewusste Diskriminierungsstrukturen abzubauen, ist richtig viel Arbeit. Es braucht Wissen, Strategien und Pläne zur Umsetzung. Glücklicherweise gibt es immer mehr Material dazu und praktische Handlungsempfehlungen, wie zum Beispiel ein Monitoring der Gehalts- und Beförderungsstruktur.

Autorin Karin Hartmann (Foto: Johanna Senge)

Architektin und Buchautorin Karin Hartmann (Foto: Johanna Senge)

Die Studie des American Institute of Architecture (AIA), The Elephant in the (Well-Designed) Room hat z. B. ganz konkrete “Bias Interrupters” entwickelt, die Büros mittelfristig auf ihrem Weg zu einer offeneren Kultur begleiten können.

Architektinnen empfehle ich, und dies war auch eine Motivation, mein Buch zu schreiben, sich zum Status quo der Chancengleichheit in der Architektur gut zu informieren. So können sie rechtzeitig diskriminierende Strukturen erkennen, und selbst eine Wahl treffen, ob sie an diesem Ort eine Zukunft haben.

Natürlich ist es nicht die Aufgabe der Betroffenen, das System zu ändern. Aus meiner Sicht ist der Drop-Out von Frauen ein Systemanzeiger, dem die Branche sich insgesamt widmen sollte.

Aktuell ist die Arbeitsmarktsituation sehr gut, während die Branche zunehmend einen Fachkräftemangel hat. Der Ball liegt bei der Branche, die sich aber nicht nur aus Büros, sondern aus der gesamten institutionellen Landschaft zusammensetzt.

Ein Kulturwandel ist ein Kraftakt, der aus der Mitte der Branche kommen sollte, dafür muss er vor allem eines: gewollt sein.

Weitere Informationen zu Karin Hartmanns Buch „Schwarzer Rolli, Hornbrille“ (und natürlich eine Online-Bestellmöglichkeit) finden Sie auf der Website des JOVIS-Verlags.

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