Neue Werkzeuge zu kennen, reicht nicht – die eigentliche Arbeit beginnt erst, wenn KI im Architekturbüro wirklich ankommen soll. Teil 3 dieser Serie zum Kompendium „Kann KI Architektur?“ zeigt, wie das gelingt.
In den ersten beiden Teilen ging es um Haltung und um Werkzeuge. Doch Christina Gresser und Philipp Eichstädt machen früh klar, dass es für künstliche Intelligenz keine Bedienungsanleitung gibt.
Ihr Abschnitt zum Lernen ist deshalb als Lernpfad angelegt: fünf Module mit konkreten Übungsaufgaben. Für den Büroalltag ist das der wertvollste Teil des ganzen Kompendiums.

Die Übersicht zu Abschnitt D: Auf eine Orientierung zu sechs Kernkompetenzen folgen fünf Module – jedes davon mit Einführung, Hilfestellungen und Übungen (Screenshot: Internet für Architekten)
Warum die meisten scheitern – und warum das kein Technikproblem ist
Ausgangspunkt ist eine ernüchternde Zahl, die die Autor:innen einer Studie der MIT-Initiative NANDA entnehmen („The GenAI Divide“, 2025): Rund 95 Prozent der untersuchten KI-Pilotprojekte in Unternehmen hatten demnach binnen weniger Monate keinen messbaren Effekt auf das Geschäftsergebnis.
Die Zahl ist umstritten, denn sie beruht auf einer schmalen Stichprobe von gut 50 Interviews und einer eng gefassten Definition von Erfolg.
Die Richtung deckt sich aber mit der Grundthese des gesamten Kompendiums: Der Engpass liegt in der Organisation. Wie schwer das wiegt, hat Philipp Eichstädt kürzlich in seinem Gastbeitrag „Ausflug ins Integrationsgebirge“ beschrieben.
KI müsse man üben, und zwar „nicht abstrakt, nach Feierabend, sondern im eigenen Arbeitskontext“. Die entscheidende Fähigkeit sei dabei eine altbekannte: gut delegieren zu können.
Wer das beherrsche, bringe das Wesentliche für die Arbeit mit KI bereits mit. Weiterreichen lasse sich die Aufgabe nicht – weder an die Jüngeren noch an die IT, weil der Mehrwert „in der Mitte“ entstehe, bei den erfahrenen Planenden selbst.
Übungsraum einrichten, eigene Position schärfen
Am Anfang steht ein geschützter Übungsraum: ein separates Account samt Cloud-Ablage, in dem man experimentieren kann, ohne sofort Leistungsdruck aufzubauen.
KI solle man sich wie eine neue Sprache aneignen und aus Fehlschlägen lernen. Falschen Ergebnissen widmen die Autor:innen sogar besondere Aufmerksamkeit.

Jedes Modul endet mit Übungsaufgaben: Der Einstieg verlangt ein separates Trainingskonto, das gezielte Steuern von Antwortformaten und einen frei gesprochenen Dialog mit dem Chatbot (Screenshot: Internet für Architekten)
Eine der Übungen ist zum Beispiel bewusst verspielt: ein „T-Shirt-Contest“, bei dem man einen Bildgenerator Schritt für Schritt vom weißen T-Shirt zum fertigen Fashion-Shooting führt und so das Zerlegen einer Aufgabe in Teilschritte trainiert.
Die Autor:innen weisen aber auch immer wieder auf die Herausforderungen bei der Aneignung von KI-Kompetenz hin. Eine der deutlichsten Warnungen des Kompendiums betrifft die Chatbots selbst:
„Chatbots sind keine neutralen Gesprächspartner. Sie sind auf Zustimmung trainiert.“
Wer sich von einem übermäßig gefälligen System bestätigen lässt, verliert leicht die eigene Position.
Die Übungen zielen deshalb darauf, aus Dialogen eigene Standpunkte zu schärfen – etwa zu Energieverbrauch, Kreativität oder Datenhoheit – und den Zustimmungsreflex des Systems zu durchschauen.
Rechtliche Pflichten bleiben bestehen
Beim Recht argumentieren die Autor:innen konsequent: Neue Werkzeuge heben keine alten Pflichten auf.
Ein Chatbot könne Rechtsfragen aufbereiten, aber ob die Antwort verlässlich sei, entscheide der Mensch. Für die Qualitätssicherung gilt der klare Merksatz „Keine finale Freigabe ohne menschliche Endkontrolle“.
Behandelt werden außerdem Sorgfaltspflichten, Persönlichkeitsrechte und die EU-KI-Verordnung, die man sich von der KI mit Bezug auf konkrete Artikel belegen und anschließend selbst prüfen soll. Und wo KI-Inhalte veröffentlicht werden, empfehlen die Autor:innen eine Kennzeichnung.
Von der Übung in den Büroalltag
Der Übergang zur echten Anwendung gelingt am besten sofort, denn erfahrungsgemäß sei der Gedanke verflogen, sobald man die Aufgabe einmal vertagt hat.
Ein Chatbot wisse zunächst nichts über das eigene Büro, bis man es ihm mitteilt. Es lohnt sich also, ihm viel Kontext zu geben, das erste Ergebnis als Ausgangspunkt zu verstehen und nüchtern zu bilanzieren, ob der Mehrwert real ist.
Die Übungen bleiben dabei nah am Tagesgeschäft:
- aus einer E-Mail einen Arbeitsplan mit Zuständigkeiten ableiten
- einen Grundriss gegen die Maßregeln für ein barrierefreies WC prüfen
- aus einem Foto ein Leistungsverzeichnis erzeugen und gegen das Original abgleichen

Am Ende des Lernpfads steht die Integration ins Büro: Die Aufgaben führen von der Agenda des KI-Führungsteams über Protokoll und Mitteilung an die Belegschaft bis zur selbst programmierten Kostenübersicht (Screenshot: Internet für Architekten)
Der letzte Schritt ist der schwierigste und führt zurück zur Kernbotschaft der ganzen Serie:
„KI im Büro einzuführen ist kein Projekt. Es ist eine kontinuierliche Aufgabe, die Führung erfordert.“
Ohne Steuerung entsteht ein „KI-Wildwuchs“: Wenn Mitarbeitende unkontrolliert kostenlose Werkzeuge nutzen, verarbeiten diese unbemerkt sensible Inhalte – man zahle dann mit den eigenen Daten. Das berührt unmittelbar den Datenschutz gegenüber Bauherrschaften.
Change-Management sei deshalb zwingend erforderlich. Die Autor:innen empfehlen eine KI-Führungsgruppe, ein Jahresbudget für Lizenzen, transparente Kommunikation und eine Risikoanalyse, die auch Datenformate und Alternativanbieter im Blick behält.
Mein Fazit zur Serie
„Kann KI Architektur?“ will kein Ratgeber im üblichen Sinn sein. Es ist die offen dokumentierte Zwischenbilanz eines Büros, das drei Jahre lang systematisch getestet, viel verworfen und einiges behalten hat.
Genau darin liegt für mich der Wert: keine Heilsversprechen, keine Untergangsstimmung, dafür klare Positionen und nachvollziehbare Begründungen.

Das Kompendium ist als Wiki angelegt, nicht als linearer Bericht. Jeder Abschnitt steht für sich, Querverweise verknüpfen die Themen (Screenshot, Collage: Internet für Architekten)
An den zugrunde liegenden Seminarinhalten war ich beteiligt, wie in Teil 1 offengelegt. Ich kenne das Material also aus der Nähe und empfehle es eben deshalb: frei zugänglich, aus der Praxis heraus entwickelt und transparent in der Herkunft.
Wenn Sie nur eine Erkenntnis mitnehmen, dann diese: Die Technik lässt sich in Tagen erlernen, ein Büro dafür bereit zu machen ist die eigentliche Arbeit – und die beginnt bei der Bereitschaft zu üben, lange vor dem ersten Software-Abo.
Das vollständige Kompendium finden Sie frei zugänglich auf se-g.com/de/digital/wissen.
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