Drei Jahre lang hat ein Berliner Architekturbüro systematisch getestet, was KI im Architekturbüro wirklich leisten kann – und was nicht.
se·g architekten – Studio Eichstädt Gresser haben ihre Erkenntnisse in einem frei zugänglichen Online-Kompendium mit dem Titel „Kann KI Architektur?“ zusammengefasst: ein Erfahrungsbericht aus dem laufenden Betrieb, entstanden neben dem Projektalltag. Ich habe ihn gelesen und stelle ihn in drei Teilen vor.
Teil 1 widmet sich der Frage, die viele Kolleginnen und Kollegen umtreibt: Was bleibt vom Berufsbild, wenn die Maschine mitplant?

Das KI-Wiki von se·g architekten – Studio Eichstädt Gresser fasst Erkenntnisse in einem frei zugänglichen Online-Kompendium zusammen (Collage: Internet für Architekten)
Ein Wiki statt eines Buches
Christina Gresser und Philipp Eichstädt führen se·g architekten seit 2010 gemeinsam in Berlin. Das Büro ist auf große und komplexe Projekte spezialisiert; beide haben zuvor jahrelang bei Foster + Partners in London gearbeitet. Den Zwischenstand seiner Recherche hat Philipp Eichstädt 2025 bereits in einem zweiteiligen Gastbeitrag beschrieben.
Das Kompendium ist als Wiki angelegt. Jeder Abschnitt steht für sich, Querverweise verknüpfen die Themen, einen Einstieg gibt es an vielen Stellen. Den eigenen Stand beschreiben die Autor:innen ausdrücklich als „nicht abgeschlossen, sondern vorläufig belastbar“ – ein offener Umgang mit einem Feld, in dem Informationen oft schon nach Wochen überholt sind. Die derzeit veröffentlichte Lesefassung datiert vom 30. Juni 2026.
In eigener Sache: Die Verbindung zu „Internet für Architekten“
„Internet für Architekten“ ist in diesem Kompendium kein unbeteiligter Beobachter. Gemeinsam mit Philipp Eichstädt habe ich (Gründer und Herausgeber von „Internet für Architekten“) seit 2024 das Fortbildungsformat „Kann KI Architektur?“ entwickelt und in vielen Veranstaltungen damit Hunderte von Architektinnen und Architekten erreicht.
Die Abschnitte B („Ein neuer Kontinent“) und C („Neue Werkzeuge“) gehen „in wesentlichen Teilen“ auf diese gemeinsamen Seminarinhalte zurück, so Gresser und Eichstädt in der Einleitung des Wikis.
Bemerkenswert offen ist auch der Umgang mit der eigenen Methode: Große Teile der Texte wurden mit Sprachmodellen erstellt und anschließend redaktionell bearbeitet. Am Ende jedes Abschnitts vermerken die Autor:innen, wann und mit welchen Mitteln er entstanden ist.
Wer wissen will, wie ein Architekturbüro KI produktiv in die eigene Wissensarbeit einbindet, bekommt das Verfahren hier gleich mitgeliefert.
Die eigentliche Hürde ist nicht die Technik
Wer KI bedienen lernt, braucht dafür wenig Zeit, schreiben Gresser und Eichstädt. Ein ganzes Büro KI-bereit zu machen, ist eine völlig andere Aufgabe. Die zentrale Erkenntnis des Kompendiums ist zugleich seine unbequemste:
„Die eigentliche Herausforderung beim Einsatz von KI ist keine technische. Sie ist eine organisatorische.“
Der Antrieb sei dabei nie die Angst vor der Technik gewesen, sondern der Anspruch, die eigene Arbeit besser machen zu können.
Ihre Recherche begann mit einem weit verbreiteten Missverständnis, das die beiden inzwischen für aufgeklärt halten: der Vorstellung, man müsse nur die richtige Maschine finden, die eigenständig plant.
Je länger sie testeten, desto klarer wurde das Gegenteil. Die heute verfügbaren Systeme können nicht selbstständig planen – sie helfen Planenden, ihre Absicht besser auszudrücken, und unterstützen bei vielen wiederkehrenden Aufgaben.
Der Grund liegt in der Natur des Planens selbst. Eine Taxibestellung lässt sich digitalisieren, eine Flugbuchung auch. Eine Planung dagegen verknüpft einen realen Baustandort, menschliche Bezüge und rechtliche Anforderungen zu einem jedes Mal einmaligen Vorhaben.
Pointiert formulieren die Autor:innen:
„Wer meint, dieser Prozess lasse sich wie ein Videospiel vollständig in einem Computer abbilden, der hat noch nicht gebaut.“
„Wann macht KI meinen Job?“
Auf die Existenzfrage, die Influencer und selbsternannte Fachleute seit Jahren befeuern, gibt das Kompendium eine nüchterne Antwort: KI ist nicht bauvorlageberechtigt – und den Autor:innen ist in Jahren des Austauschs mit Startups und Gründern niemand begegnet, der eine Kammereintragung oder gar eine Berufshaftpflicht für seine KI-Ausgaben anstrebte.
Damit ist die Haftungsfrage schnell geklärt: Wer die Verantwortung für einen Bauantrag trägt, steht schon heute fest – und es ist nicht das Sprachmodell oder der Chatbot, in dem es läuft.
Interessanter als das „Nein“ ist die Begründung. Planung sei kein algorithmisch lösbares Problem, sondern verlange Vision, Intention und die Fähigkeit, widersprüchliche Anforderungen zu interpretieren.
Die Aufgabe der Planenden beschreiben die Autor:innen als das Schaffen von Strukturen dort, „wo es noch keine offensichtlichen Strukturen gibt“. Kurz: für Leerstellen eine Vision formulieren und diese mit allen Beteiligten abgleichen. Genau diese konzeptionelle Kernarbeit bleibe, wo sie immer war.
Das Paradoxon der Erfahrung
Besonders anschlussfähig für den Büroalltag ist ein Gedanke, den Gresser und Eichstädt „das Paradoxon der Erfahrung“ nennen. Erfahrene Architektinnen und Architekten brauchen keine KI, die ihnen Architektur erklärt – aber sie besitzen die Maßstäbe, um ein Ergebnis schnell zu bewerten.
Umgekehrt gilt (oft): Jüngere Kolleginnen und Kollegen finden viel schneller Zugang zur Technik, „aber ihnen fehlen die Bewertungsmaßstäbe“.
Beides zusammen ergibt mehr als beides getrennt. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, beide Welten zusammenzubringen und Erfahrungswissen so zu externalisieren, dass es abfragbar wird – statt am Projektende nur „einen Haufen Projektdaten auf dem Server“ zu hinterlassen.
Neun Thesen für einen verantwortungsvollen Umgang
Ihre Haltung verdichten Gresser und Eichstädt zu neun Thesen. Sie lesen sich wie eine berufspolitische Standortbestimmung. Einige Kernpunkte:
- Verantwortung: Nicht die KI müsse architektonisch verantwortlich handeln – Architektinnen und Architekten müssten lernen, KI verantwortlich einzusetzen.
- Neue Hierarchien: Wissen war bislang an Berufsjahre gebunden; KI entkoppelt das. „Die Frage ist weniger, ob die Jüngeren das können, sondern ob die etablierte Hierarchie sie lässt.“
- Recht: „Alte Pflichten verschwinden nicht, nur weil neue Werkzeuge verfügbar sind.“ Wer die Quelle eines Fehlers erkennt – ungenauer Prompt, fehlender Kontext, Halluzination – kann ihn beheben.
- Das Büro: Ein Büro, das KI einsetzt, braucht nicht nur Softwarezugänge, sondern neue Regeln, Kompetenzen und Verantwortungsketten. „Der notwendige Wandel organisiert sich nicht von allein.“
- Baukultur: Sie entsteht nicht durch Werkzeuge, sondern bleibt Aufgabe aller Beteiligten. Und, als Schlusspointe: „Auch die KI braucht jemanden, der sich kümmert.“
Wer die berufspolitische Debatte kennt, erkennt hier vertraute Reflexe wieder – Verlustangst auf der einen, Technik-Euphorie auf der anderen Seite.

Das Kompendium ist als Wiki angelegt. Jeder Abschnitt steht für sich, Querverweise verknüpfen die Themen (Screenshot, Collage: Internet für Architekten)
Das Kompendium bezieht Position, ohne in eines der beiden Lager zu kippen. Sein Appell an eine Branche, die sich als Kind der Aufklärung versteht: mit Experimenten zu antworten, nicht mit Meinungen.
Wie es weitergeht
Im zweiten Teil wird es konkret: Ich stelle die Werkzeuge vor, die sich bei se·g architekten bewährt haben – von den wichtigsten Chatbots über Bildgeneratoren bis zu den parametrischen Assistenten für Grundstück, Städtebau und Grundriss.
Teil 3 (erscheint Mitte September 2026) widmet sich dann dem Lernpfad: Wie richten Sie einen Übungsplatz ein, welche rechtlichen Pflichten gelten, und wie bringen Sie KI ins ganze Büro?
Link zum KI-Wiki
Das vollständige Kompendium von se·g architekten – Studio Eichstädt Gresser aus Berlin finden Sie frei zugänglich auf se-g.com/de/digital/wissen.
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