Nachholbedarf in Sachen Internet & Infrastruktur: Was Deutschland von Südkorea lernen kann

Ein Kommentar von Eric Sturm

Drei deutsche Minister stellen im Jahr 2014 gutgelaunt eine „Digitale Agenda“ vor, die viele Allgemeinplätze und wohlklingende Phrasen enthält (siehe Video unten). „Große Pläne, wenig Konkretes“ schreibt die Tagesschau lapidar dazu.

Der halbherzige Vorstoss für die IT- und Kommunikationsbranche kommt Jahre zu spät, doch das wird von den Herren Politikern mit einem frechen „Besser spät als nie“ weggewitzelt. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Denn der wirtschaftliche Erfolg unseres Landes hängt vorrangig von seiner Zukunftsfähligkeit ab. Um sie ist es hierzulande schlecht bestellt. Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick nach Fernost. Also auf nach Südkorea!

Kundenfreundlichkeit ganz praktisch: Aufladestation für Smartphones in der U-Bahn der Millionenstadt Busan

Digitaler Alltag: Aufladestation für Smartphones in der U-Bahn der Millionenstadt Busan

Im Sommer dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, mich in Südkorea umzusehen. Zwar habe ich das Land nur aus der Touristenperspektive erlebt, aber die Unterschiede zu Deutschland (und damit meine ich nicht die kulturellen!) sind groß. Ähnlich wie Deutschland besitzt Südkorea wenig Rohstoffe. Es lebt vom Fleiß und Erfindungsreichtum seiner Ingenieure, Software-Entwickler und Designer.

Das Land ist geprägt von seinen Großstädten und den Bergen (ca. drei Viertel des Staates besteht aus Bergland). Früh hat man aber in Südkorea die Chancen der digitalen Welt erkannt und nutzt die neuen Techniken seit Jahren erfolgreich.

Während man in Deutschland dazu neigt, sich auf dem in mühsamen Jahrzehnten erarbeiteten Reichtum auszuruhen, wenig in Bildung investiert und die vorhandene Infrastruktur „auf Verschleiss“ fährt, zeigt sich in Ostasien eine ganz andere Dynamik.

Wachsende Megacity Seoul: Hochhäuser so weit das Auge reicht, hier im Südwesten des Stadtzentrums

Wachsende Megacity Seoul: Hochhäuser so weit das Auge reicht, hier im Südwesten der Stadt

Südkorea hat eine andere Geschichte als wir. Von einem armen Agrarstaat haben sich die Südkoreaner innerhalb eines halben Jahrhunderts „hochgearbeitet“, und dabei u. a. eine Auto- und Schifffahrtsindustrie entwickelt, die viele westeuropäische oder amerikanische Konkurrenten das Fürchten gelehrt hat. Inzwischen ist das Land auch mit den Produkten seiner Technologie-Konzerne (u. a. LG und Samsung) ein wichtiger Akteur auf dem Weltmarkt.

Städtebaulich wurde in Südkorea in den letzten Jahrzehnten beachtliches geleistet. Die Hauptstadt Seoul wuchs seit 1950 bis heute von gut einer halben Million Einwohner zu einer über 10 Millionen großen Megacity, der zweitgrößten Agglomeration der Welt.

Beispiel Internet: Hierzulande kritisch beäugt, in Fernost pragmatisch in den Alltag integriert

Im Vergleich der beiden Länder ist interessant zu beobachten, wie mit neuen Technologien und den damit verbundenen Chancen umgegangen wird.

Beispiel Internet. Zwar gab es auch in Deutschland einen gewissen Hype um die „Neuen Medien“ (und später viele zerplatzte Träume vom schnellen Reichtum am „Neuen Markt“), vorherrschend war jedoch eine grundlegende Skepsis gegenüber der aufkommenden Technik. Rückblickend amüsant in diesem Zusammenhang: Die damals ernst gemeinte Frage „Muss es unbedingt das Internet sein“ in einem Fachbuch von Michael Otto (Thomson-Verlag, 1997), siehe unten.

Anders in Fernost: Das Internet wurde von Anfang an, also seit den 1990er Jahren in Südkorea unvoreingenommen und optimistisch angenommen. Es prägt bis heute ganz selbstverständlich den Alltag und erleichtert ihn für die Millionen Menschen in den Großstädten und auf dem Land.

Inzwischen bieten die großen Telekommunikationsanbieter neben dem flächendeckenden Mobilfunk der neuesten Generation auch an öffentlichen Orten W-LAN-Zugänge an, zum Teil kostenlos nutzbar. Und nicht nur das: Auch jeder U-Bahn-Wagen in Seoul verfügt – neben verschiedenen Mobilfunknetzen – über eigene W-LAN-Router.

In den geräumigen, blitzsauberen U-Bahn-Waggons stehen zwei verschiedene WLAN-Netze zur Verfügung. Zusätzlich zu dem überall verfügbaren Mobilfunknetz, versteht sich. Hier die beiden Router.

In den geräumigen, blitzsauberen U-Bahn-Waggons stehen zwei verschiedene WLAN-Netze zur Verfügung. Zusätzlich zu dem überall verfügbaren Mobilfunknetz, versteht sich. Hier die beiden Router.

Willkommen in Seoul: Junge Koreaner nutzen den schnellen Mobilfunk oder das W-LAN (!) in der U-Bahn

Willkommen in Seoul: Fast alle Koreaner nutzen den schnellen Mobilfunk oder das W-LAN (!) in der U-Bahn

Flächendeckendes Breitband-Internet: In Südkorea schon lange selbstverständlich

Schon 2007, als Tomi Ahonen und Jim O’Reilly das Buch „Digital Korea“ veröffentlichten, konnte ich darin staunend erfahren, dass dort bereits kurz nach der Jahrtausendwende Breitband-Internet zur Verfügung stand – flächendeckend!

In Deutschland dagegen gibt es auch im Jahr 2014 noch kein flächendeckendes Internet. Für tausende kleine und mittelgroße Betriebe – und natürlich auch Planungsbüros – ein echtes Produktivitätshemmnis. Generell sind die hierzulande verfügbaren Bandbreiten klein im Vergleich zu dem, was eigentlich technisch möglich wäre.

Dieser Zustand ist schon schlimm genug und hemmt schlicht und einfach wirtschaftliches Wachstum. Aber es geht noch schlimmer: In manchen Gegenden in Deutschlands – auf dem Land oder in Kleinstädten – gibt es auch heute immer noch kein Breitband-Internetzugang. Wer dort „online“ gehen will, muss sich seinen Internet-Zugang per Satellitenschüssel selber bauen. Oder sehr geduldig sein.

Der Fernsehbeitrag des ARD-Magazins „PlusMinus“ anlässlich der Vorstellung der „Digitalen Agenda“ bringt den desolaten Zustand der digitalen Infrastruktur in Deutschland gut auf den Punkt. Unter anderem am Beispiel des Handwerkers aus Braunschweig, der seine Dateien gerne schneller mit seinen Kunden austauschen würde. Und der sich vor seinen osteuropäischen Geschäftpartnern ein bisschen schämt, dass es bei uns nicht schneller geht.

Der Blick nach Südkorea zeigt: Investitionen in die Zukunft sind nötig

In Sachen „Internet“ hinkt Deutschland hinterher – da hilft auch die schönste „Digitale Agenda“ wenig. Konkrete Taten (sprich: handfeste Investitionen) sind gefragt.

Doch nicht nur unsere digitale Wirtschaft benötigt inzwischen Entwicklungshilfe:

  • Im Bildungsbereich besteht in Deutschland riesiger Investitionsbedarf, das weiß jeder, der in letzter Zeit mal eine öffentliche Schule oder Hochschule von innen gesehen hat.
  • Dies gilt ebenso für den Verkehrssektor, für Wasserstraßen, Straßen und Schienen: Dass in Deutschland die einst moderne Infrastruktur langsam zerbröselt, kann man zur Zeit jede Woche in der Zeitung lesen. (Von Peinlichkeiten wie dem BER ganz zu schweigen.)

Deutschland hat Nachholbedarf und langsam wird es eng. Denn eins ist sicher: Die gute wirtschaftliche Lage, von der wir in den letzten Jahren profitiert haben, wird nicht ewig anhalten. Das betrifft auch Architekten und Ingenieure. Der momentane Bauboom, u. a. ermöglicht durch künstlich billiges Geld, das private Investoren verbauen, kann bald wieder vorbei sein.

Die aktuellen Konjunkturprognosen lesen sich – Stand Ende September 2014 – nicht gerade euphorisch. Es wird ungemütlich am (Welt-)Markt. Wohl dem, der dann technisch und (infra-)strukturell gut aufgestellt ist.

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