Digitales Schülerpraktikum im Architekturbüro: Stuttgarter Gymnasium kooperiert mit Göppinger Architekten

Im Mai 2021 lernten elf Schüler:innen des Stuttgarter Gymnasiums Königin-Katharina-Stift die Arbeitswelt von Architektinnen und Architekten kennen – im Rahmen eines digitalen Schülerpraktikums bei Gaus Architekten (Göppingen).

Das Pilotprojekt für ein digitales BOGY*-Praktikum in einem Architekturbüro zeigt, dass Praktika auch in Pandemie-Zeiten funktionieren. Das kann eine Inspiration für andere Unternehmen sein – auch unabhängig von Corona.

* BoGy = Berufsorientierung an Gymnasien

BOGY-Praktikum im Architekturbüro: Nachwuchsförderung und aktive Architekturvermittlung

Normalerweise finden sich im Frühjahr und im Herbst eine Reihe BOGY-Praktikanten bei Gaus Architekten ein. Nicht selten sind es zehn Jugendliche gleichzeitig gewesen, die innerhalb einer Woche einen Einblick in die Arbeitswelt eines Architekturbüros gewinnen konnten.

Doch seit über einem Jahr ist alles anders: unter den Umständen, die die Pandemie mit sich bringt, ließ sich das Präsenzpraktikum nicht realisieren. Nicht zuletzt ist aber ein Praktikum häufig ausschlaggebend für die Berufswahl.

Dem Team von Gaus Architekten hat dieser Umstand keine Ruhe gelassen – zu wichtig ist es, die Nachwuchsförderung und viel mehr die Architekturvermittlung aktiv zu betreiben und Jugendlichen eine Perspektive zu geben.

Aus diesem Grund wurde innerhalb weniger Wochen ein Pilotprojekt für ein digitales Praktikum entwickelt. Mit an Bord war Bianca Schich, Koordinatorin für Berufs- und Studienorientierung vom Stuttgarter Gymnasium Königin Katharina-Stift. Mit ihr wurde die Vorgehensweise des digitalen Praktikums abgestimmt.

„Wir möchten, dass die Schülerinnen und Schüler während des Praktikums mit allen Leistungsphasen in Kontakt kommen und einen Eindruck über die Bedeutung von Architektur gewinnen.“

Architekt Christian Gaus

Das Pilotprojekt stieß auf euphorische Zustimmung – schnell waren elf Zehntklässler gefunden. Mit großem Engagement wurde das einwöchige digitale Format so realitätsnah wie möglich konzipiert.

Sowohl die Erarbeitung von Informationsmaterial als auch die Betreuung der Schülerinnen und Schüler lag hauptsächlich bei den Bauzeichner-Auszubildenden sowie einer Vorpraktikantin von Gaus Architekten.

Mit Unterstützung der IHK Göppingen, die dieses Pilotprojekt sehr begrüßte, war auch zügig eine erprobte digitale Plattform zur Kommunikation und zum Austausch passend vorbereitet.

Schließlich wurde auch seitens der IHK bestätigt, wie schwierig es derzeit ist, Praktikums- oder gar Lehrplätze zu vermitteln, da Unternehmen in Anbetracht der Situation recht zurückhaltend bei der Vergabe sind.

Teilnehmende des BOGY-Praktikums bei Gaus Architekten im Online-Meeting (Foto: Gaus Architekten)

Teilnehmende des BOGY-Praktikums bei Gaus Architekten im Online-Meeting (Foto: Gaus Architekten)

Neben einer Projektmappe, die umfangreiche Infos über den Ablauf der Woche, die Aufgabenstellung erläuterte und das Architekturbüro beschrieb, erhielten die Gymnasiasten Angaben zu Materialen und Hilfsmittel, die bereitgehalten werden sollten. So waren alle für den Start des ersten digitalen Praktikums gewappnet.

Die Woche wurde mit enger Begleitung der Schüler*innen konzipiert: Nach einer Präsentation zum Berufsbild und die Arbeit in einem Architekturbüro zum Start, wurde die Aufgaben verteilt und die Jugendlichen machten sich anschließend ans Werk.

Projektleiterin Jana Blank im Austausch mit den Gymnasiasten während des Schülerpraktikums (Foto: Gaus Architekten)

Projektleiterin Jana Blank im Austausch mit den Gymnasiasten während des Schülerpraktikums (Foto: Gaus Architekten)

Arbeitsaufgabe für Praktikums-Teilnehmenden war, ein Haus in Form eines Würfels zu konzipieren und zu bauen. Täglich wurde morgens mit einem gemeinsamen Kick-Off per Video-Konferenz gestartet, mittags trafen sich alle wieder zum gemeinsamen Meeting und abends wurde der jeweilige Tag abschließend in der Gruppe reflektiert.

Für Rückfragen stand das Orga-Team des Architekturbüros in einem separaten Chat Room ganztägig zur Verfügung. Alles lief über eine für solche Formate passende digitale Plattform, die einwandfrei funktionierte.

„In Abhängigkeit davon, was der jeweilige Haushalt der Jugendlichen hergab, kamen dabei ganz unterschiedliche Bastelstoffe zum Einsatz. Das war fast noch spannender, als wenn die Praktikant*innen bei uns arbeiten und alle auf die gleichen Materialien Zugriff haben.“

Saskia Gaus-Mens, Ansprechpartnerin für Personalthemen und Nachwuchsgewinnung

Am letzten Tag stellten alle ihre Modelle in einem Präsentationsmeeting vor und eine digitale Umfrage wurde durchgeführt. Die Begeisterung über die Praktikumswoche war durchgängig. „Es war wirklich richtig toll, vielen Dank nochmal an euch alle!“ und „Ich wusste wirklich nicht, was ich erwarten kann, aber es hat meine höchstmöglichen Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen.“ äußern die Teilnehmenden.

Jugendliche erhalten ein realistisches Bild von der Tätigkeit in einem Architekturbüro

Allerdings gab es durchaus auch Stimmen, dass der persönliche Berufswunsch wohl in eine andere Richtung gehen werde.

Und auch dies wertet Christian Gaus als Erfolg: „Genau dafür ist solch ein Praktikum ja gedacht: Dass sich die jungen Menschen ein realistisches Bild von der Tätigkeit in einem Architekturbüro machen und schauen, ob sie zu ihren persönlichen Talenten und Eigenheiten passt.“ Außerdem resümiert er: „Ja, es hat sich gelohnt und gezeigt: es geht richtig gut so digital.“

Clara Eisenbraun und Jana Blank bei der Ergebnispräsentation im Architekturbüro (Bild: Gaus Architekten)

Clara Eisenbraun und Jana Blank bei der Ergebnispräsentation im Architekturbüro (Bild: Gaus Architekten)

Positives Fazit aus Lehrerperspektive: „Blaupause für viele andere Unternehmen“

Abschließend kann ein durchweg positives Fazit gezogen werden. Auch Bianca Schich ist begeistert: „Alle Aspekte, die aus Lehrerperspektive wichtig sind, sind vollumfänglich erfüllt worden. Daher hoffen wir sehr, dass dieses bahnbrechende Pilotprojekt als Blaupause für viele andere Unternehmen dient“.

Das Team von Gaus Architekten ist noch nach dem Praktikum ganz euphorisch. Zum einen, weil es technisch und organisatorisch sehr gut funktionierte, zum zweiten, weil die Schülerinnen und Schüler begeistert waren und zum dritten, weil ein durchaus größerer Aspekt erfüllt wurde: Den Jugendlichen in der Zeit von Corona und darüber hinaus die Möglichkeit zur Berufsorientierung zu geben.

Auch wenn das digitale Format sicherlich manch Einbußen mit sich bringt, insbesondere weil der persönliche Kontakt fehlt, überwiegen die Vorteile: mehrere Jugendliche gleichzeitig können teilnehmen, die Teilnehmenden sind ortsunabhängig und auch junge Menschen mit Behinderungen finden so eher die Chance, ein Praktikum zu absolvieren – so wie es bei diesem Pilotprojekt der Fall war.

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