Wer die Vibe-Coding-Reihe auf Internet für Architekten verfolgt, kennt das Grundprinzip: Man beschreibt einer KI in natürlicher Sprache, was ein Programm tun soll – und bekommt funktionierenden Code zurück.
Das Ergebnis ist eine HTML-Datei und / oder ein kleines Skript, das man auf den eigenen Webspace laden, per Passwortschutz absichern oder lokal über ein Terminal starten muss.
Das ist nicht besonders kompliziert, aber es ist ein zusätzlicher Schritt, der Hürden aufbaut – vor allem für alle, die nicht täglich mit Serverstrukturen oder der Kommandozeile arbeiten.
Es gibt jedoch einen anderen Weg, der noch etwas näher am „auf Zuruf“ liegt: die sogenannten Artefakte im KI-Chatbot Claude.
Wie erstellt man Artefakte mit Claude?
Ein Artefakt ist eine direkt im Chat-Fenster von Claude gerenderte Anwendung: also kein Text, sondern ein interaktives HTML-Element, das Claude parallel zum Gespräch erzeugt und sofort ausführt.
Die Vorteile: Kein Download, keine Installation, kein Code-Editor, kein Terminal. Man beschreibt, was das Tool leisten soll, Claude baut es, und es läuft unmittelbar im Browser.

Mit Claude erstellte Artefakte sind interaktive Mini-Tools (hier: ein Gebäudeklassen-Finder), die direkt im Chat entstehen; Screenshot: Internet für Architekten
Man kann ein solches Artefakt anschließend über einen öffentlichen Link teilen – vergleichbar mit einem Google-Dokument, das man freigibt. Wer den Link aufruft, sieht die fertige Anwendung, ohne sich bei Claude anzumelden oder irgendetwas zu installieren.
Vibe-Coding light, wenn man so will: Die Idee ist dieselbe, die Reibung ist nochmals geringer.
Erstes Beispiel: Gebäudeklassen-Finder nach MBO
Als erste eigene Anwendung habe ich einen Gebäudeklassen-Finder nach Musterbauordnung erstellt.
Das Werkzeug stellt eine Frage, die sich bei fast jedem neuen Projekt irgendwann stellt: In welche Gebäudeklasse fällt das geplante Gebäude? Und was bedeutet das für Brandschutz, Rettungswege und tragende Bauteile?
Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: Gebäudehöhe eingeben, Anzahl der Nutzungseinheiten, Gesamtfläche aller Einheiten und die Fläche der größten einzelnen Einheit.
Dazu zwei Checkboxen – freistehend ja/nein, bei Bedarf land- oder forstwirtschaftliche Nutzung. Ein Klick auf den Button liefert die Gebäudeklasse nach § 2 Abs. 3 MBO sowie eine strukturierte Übersicht der Anforderungen:
- Tragende Wände und Stützen
- Decken
- Außenwände
- Treppenräume
- Rettungswege
Die Anforderungsstufen (keine Anforderungen, feuerhemmend, hochfeuerhemmend, feuerbeständig) sind farblich codiert, von Grün über Orange bis Rot. Gebäude über 22 m Höhe werden als Sonderbau (Hochhaus) ausgewiesen mit dem Hinweis, dass dort die Musterhochhaus-Richtlinie (MHHR) gilt.
Unter jedem Ergebnis erscheint außerdem ein Hinweis, dass Anforderungen an Gebäudeabschlusswände vom Grenzabstand abhängen und gesondert geprüft werden müssen – eine Anforderung, die das Tool bewusst nicht pauschal beantwortet.
Das Artefakt läuft im Browser, braucht keine Anmeldung und lässt sich über einen Link weitergeben:
Gebäudeklassen-Finder testen
Hinweis: Das Tool wird über die Server von Anthropic (claude.ai) bereitgestellt. Für die Berechnung werden keine personenbezogenen Daten eingegeben.
Die Berechnungslogik im Überblick
Das von Claude entwickelte Tool bildet die Entscheidungsstruktur nach § 2 Abs. 3 MBO als einfachen Entscheidungsbaum ab:
- Gebäudehöhe über 22 m → Hochhaus (Sonderbau)
- Freistehend und land-/forstwirtschaftlich → GKL 1b
- Höhe bis 7 m, freistehend, max. 2 NE, Gesamtfläche ≤ 400 m² → GKL 1a
- Höhe bis 7 m, nicht freistehend, max. 2 NE, Gesamtfläche ≤ 400 m² → GKL 2
- Alle anderen Gebäude bis 7 m → GKL 3
- Höhe 7–13 m, größte NE ≤ 400 m² → GKL 4
- Höhe 7–13 m, größte NE > 400 m² → GKL 5
- Höhe 13–22 m → GKL 5
Diese Logik ist transparent und nachvollziehbar – was auch einer der Vorteile eines selbst gebauten Tools gegenüber einer Black Box ist.
Einschränkungen, die man kennen sollte
Das Tool ist ein Orientierungswerkzeug für die frühe Projektphase — kein Ersatz für die Prüfung durch eine Fachperson oder den Blick in die geltende Landesbauordnung. Vier Einschränkungen sind dabei besonders relevant:
- Musterbauordnung als Grundlage. Das Tool arbeitet ausschließlich mit der MBO. Die Landesbauordnungen weichen zum Teil erheblich ab — Bayern, Hamburg und NRW etwa haben eigene Regelungen zu Holzbau-Öffnungsklauseln oder Treppenraumanforderungen.
- Keine Sonderbauten. Schulen, Kindertagesstätten, Krankenhäuser, Versammlungsstätten und andere per MBO oder LBO gesondert geregelte Nutzungen lassen sich zwar eintippen — das Ergebnis wäre aber irreführend, da für diese Gebäude eigene Anforderungen gelten, die über die Gebäudeklassen-Systematik hinausgehen.
- Vereinfachte Abgrenzung GKL 1a / 2. Das Tool fragt lediglich, ob ein Gebäude freistehend ist. Grenzgebäude, Doppelhäuser oder Reihenendhäuser können je nach Landesbauordnung unterschiedlich bewertet werden.
- Kellergeschosse zählen nicht. Bei der Flächeneingabe bleiben Kellerräume außer Betracht — nur oberirdische Nutzflächen fließen in die Berechnung ein. Der entsprechende Hinweis steht direkt unter den Eingabefeldern.
Corporate Design per Skill-Funktion
Eine Besonderheit des hier gezeigten Artefakts: Es ist nicht im neutralen Claude-Standard-Layout gehalten, sondern im Corporate Design (CD) meines fiktiven Demo-Büros „Beispiel Architekten“: weinroter Header (#6E2800), orangefarbener Button (#E26700), Typografie in Fira Sans.
Diese Vorgaben hat Claude nicht aus dem Kontext erschlossen, sondern aus einem hinterlegten Corporate-Design-Skill abgerufen: einem wiederverwendbaren Wissenspaket, das einmal definiert und dann bei jeder neuen Anfrage automatisch angewendet wird.
Das bedeutet: Wer seinen CD-Skill einmal eingerichtet hat, bekommt künftige Artefakte automatisch in den eigenen Bürofarben und mit der eigenen Schrift — ohne das bei jedem neuen Tool erneut beschreiben zu müssen.
Weitere Informationen: Wie man so einen Skill anlegt, habe ich in einem früheren Artikel zu Claude Skills erläutert.
Was kommt als nächstes?
Der Gebäudeklassen-Finder ist das erste von mehreren geplanten Artefakten für typische Planungsbüro-Anwendungsfälle. Welche Themen sich für solche kleinen Browser-Tools eignen, zeigt sich oft erst beim konkreten Ausprobieren.
Denkbar wären Tools für Honorarübersichten, Checklisten für Leistungsphasen, einfache Berechnungshilfen. Das Prinzip ist in jedem Fall dasselbe: Anforderung beschreiben, Artefakt bauen lassen, testen, verfeinern.
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