Der Zugang zur Architektur (Teil 1/3): Wie Sie die 10 Funktionen von Architekturfotografie für sich nutzen

Ein Gastbeitrag von Philip Kistner

Fotografie ist ein entscheidender Faktor für Architekten, sichtbar zu werden und sich zu vermarkten. Dank Bildern erleben wir Bauwerke, ohne sie zu besuchen. Fotografie erklärt den Nutzen der Architektur, indem sie das Bauwerk in einen gesellschaftlichen, räumlichen und zeitlichen Kontext setzt. Erfahren Sie im ersten Teil dieser Serie mehr über die zehn Funktionen von Architekturfotografie und wie Sie sie für sich nutzen.

Fotografie erweckt Bausubstanz zum Leben (Foto: Philip Kistner)

Fotografie erweckt Bausubstanz zum Leben (Foto: Philip Kistner)

Park Avenue, Manhattan, New York: Millionen Menschen leben und arbeiten in einer der größten Verdichtungen von Bauwerken der Welt. Historische Hochhäuser des internationalen Stils reihen sich an Baustellen der Postmoderne. Das Seagram Building von Ludwig Mies van der Rohe (1958) steht direkt neben dem 425 Park Avenue von Norman Foster, das noch gebaut wird. Arrangieren wir diese Wolkenkratzer in einer Aufnahme, erhalten wir ikonische Architekturfotografie.

„Architekt*innen gestalten Bauwerke, Architekturfotograf*innen gestalten deren Wahrnehmung.“

BVAF – Bundesverband Architekturfotografie e. V.

Wie Fotografie den Nutzen der Architektur dokumentiert und aufmerksam macht

Bleiben wir in Manhattan: Vergleichen wir die heutigen Wahrzeichen mit denen aus 1900, wird deutlich, wie sich die Architektur verändert. Andererseits lassen sich aus einer Fotografie das wirtschaftliche Potenzial der Stadt und der politische Anspruch der USA ablesen. Wir sehen, wie Architektur mit wachsenden Gebäuden auf den Bedarf nach mehr Platz antwortet. Fotografie ordnet Architektur räumlich ein und dokumentiert den Nutzen im Laufe der Zeit.

Schnell stellt sich die Frage, wer wen bekannt macht. Fest steht: Ohne Architektur gibt es keine Architekturfotografie. Und ohne Fotografie ist der Architekt weniger sichtbar. Das Renommee eines Architekten ist daher auch davon abhängig, ob die Bilder seine s Werkes bekannt werden. Gleichermaßen definiert sich das Ansehen eines Fotografen über die Qualität des Bauwerks, das er fotografiert.

Wie Fotografie alle Bereiche der Architektur prägt

Auch wenn wir es uns gern leicht machen und darauf beschränken: Architektur ist mehr als das Bauwerk. Menschen, die sich mit ihr beschäftigen, sind genauso wichtig.

Architekturkritiker bewerten Bauwerke auf Basis der Eindrücke vor Ort und der fotografischen Dokumentation. Leser bewerten die Kritik nur dann, wenn sie das Bauwerk auch sehen. Etwa in einem Architekturmagazin.

Historikern fehlt ohne Fotografie die Grundlage, wie sich eine Gesellschaft entwickelt und welcher Stilepoche ein Bauwerk angehört. Ein Architekturstudium wäre ohne Bildmaterial undenkbar. Und Architekturforscher nutzen Fotografien aus der Vergangenheit, um Zukunftstrends vorauszusagen.

Wie Fotografie es schafft, Gebäude zu beleben

Fotografie erweckt Bausubstanz zum Leben. Das passiert, wenn Bauwerke mitsamt Nutzung fotografiert werden. Meist geschieht das, wenn Mensch und Architektur aufeinandertreffen. Während Architekten Gebäude vor der Nutzung entwerfen, zeigt Fotografie sie währenddessen oder danach.

„Auf Fotografien gelingt es, Dinge und Menschen gleichberechtigt zu versammeln.“

Angelika Fitz, Gabriele Lenz: Vom Nutzen der Architekturfotografie – Positionen zur Beziehung von Bild und Architektur. Birkhäuser Verlag, Basel 2015

Fotografie dokumentiert Abnutzungsspuren der Architektur. Sie gibt auch Aufschluss darüber, wo Menschen leben und wie sich der Lebensraum durch Architektur verändert. Sehen wir uns beispielsweise die Firmenzentrale von adidas in Bayern an: Inmitten von Herzogenaurach sticht das futuristische Bauwerk heraus. In einem Dorf, dessen Bild überwiegend Fachwerkhäuser prägen. Ohne Kontext sehen wir moderne Architektur. Mit Kontext sehen wir den Kontrast, der zwischen neu und alt entsteht.

Andere Formen der Baudokumentation, wie Zeichnungen oder Diagramme, vermitteln zwar technische Aspekte eines Bauwerks. Sie können jedoch keinen sichtbaren Kontext zur Umwelt herstellen.

Die zehn Funktionen der Architekturfotografie

Fotografie nützt nicht nur Architekten. Sie hat auch eine gesellschaftliche Bedeutung und erfüllt dabei folgende zehn Funktionen:

1. Aufklärung
Heutzutage kennen und bewerten wir Wahrzeichen wie den Burj Khalifa. Die wenigsten Menschen waren jedoch in Dubai. Fotografie macht Bauwerke unabhängig vom Standort des Betrachters sichtbar und erfüllt daher eine wichtige Aufklärungsfunktion.

2. Information
Hier werden Informationen nahezu unverfälscht kommuniziert. Die se Funktion dient als Bestandsaufnahme und Filterkriterium. Der Betrachter nimmt Informationen Bild für Bild wahr und setzt die Teile gedanklich zusammen. Es ergibt sich eine zeitliche Abfolge von Erfahrungen mit dem Bauwerk, die wir Sequenzerfahrung nennen.

3. Dokumentation
Fotografie dokumentiert den Zustand eines Bauwerks im Kontext der Zeit. Sie hält fest, wie Menschen Architektur nutzen, wie sie sich abnutzt und im Laufe der Zeit verändert. Diese Funktion ist maßgeblich, wenn wir Architektur historisch betrachten und Stilepochen bilden.

4. Vermittlung
Um die Komplexität eines Bauwerks zu erklären, braucht es viele Wörter. Fotografie schafft das mit wenigen Bildern. Sie transportieren den konzeptionellen Gedanken des Bauwerks und verstärken ihn. Fotografie wird zum Sprachrohr des Architekten mit dem Anspruch, ein Gebäude schnell zugänglich zu machen.

5. Kunst
Mit ihrem geschulten Blick sind Fotografen in der Lage, Bauwerke zu interpretieren. Fototechnik und Bildbearbeitung unterstützen dabei. Ein künstlerischer Ansatz verzerrt jedoch nicht zwangsläufig die Realität. Auch durch die akribische Auswahl von Gebäuden, Perspektiven und Stimmungen sowie eine realistische Abbildung entstehen oft künstlerisch wertvolle Fotografien.

6. Lenkung
Architekturfotografie macht auf wiederkehrende bauliche Muster aufmerksam, bildet Gebäude aus ungewöhnlichen Perspektiven ab und prägt auf diese Weise Epochen mit. Im Zuge der Bauhaus- Architektur wurde beispielsweise Neues Sehen in der Fotografie eingeführt. Diese Stilrichtung durchbricht konventionelle, an der Malerei orientierte Strukturen. Es entsteht eine neue Sachlichkeit, die Gebäude mithilfe extremer Perspektiven sowie Licht- und Schattenspielen dynamisch darstellt.

7. Kommentar
Hier schlüpft der Fotograf in die Rolle des Kritikers und analysiert ein Bauwerk mithilfe fotografischer Mittel. Er verwandelt sich vom Beobachter in einen Bewerter und hält der Architektur den Spiegel vor.

8. Ergänzung
Fotografien reichern Inhalte an. Das betrifft neben Beiträge in Fachzeitschriften auch Reportagen in Massenmedien. Darüber hinaus spielt Fotografie im Bereich der Unternehmensdarstellung eine entscheidende Rolle. Beispielsweise auf einer Website oder in einer Image-Broschüre. Fotografien prägen in diesem Fall die Tonalität des Unternehmensauftritts.

9. Inspiration
Architekten und Bauplaner lassen sich von bestehenden Bauwerken inspirieren. Gleiches gilt für diejenigen, die das Bauwerk in Auftrag geben oder nutzen. Nicht umsonst besuchen monatlich mehr als acht Millionen Menschen archdaily.com, die führende Architekturwebsite der Welt. Fotografie liefert die Vorlagen, die inspirieren.

10. Wertsteigerung
Eine der wichtigsten Aufgaben der Fotografie ist es, Bauwerke im Idealzustand zu fotografieren. Kurz nach Fertigstellung konserviert das Bild den Wert des Gebäudes. Architekten nutzen diese Bilder, um ihren Marktwert zu steigern. Immobilienmakler und Bauherren nutzen sie, um den Wert des Gebäudes zu steigern. Und das, obwohl die Bausubstanz im Laufe der Zeit an Wert verliert.

Fazit: Fotografie ist Enabler und Promoter für Architekten

Sie wissen nun, wie wir Bauwerke meist erleben und welche zehn Funktionen ihre Bilder haben. Damit ist deutlich, was Fotografie in der Architektur bedeutet: Sie macht Architekten sichtbar und vermarktet das Architekturbüro. Sie sind Architekt? Nutzen Sie diesen Artikel, um sich noch besser mit Ihrem Fotografen auszutauschen. Sie sind Marketer oder Kommunikator? Wenden Sie diese neuen Infos doch im nächsten Gespräch an.

Erfahren Sie im zweiten Teil dieser Serie, welche Marketingmaßnahmen Architekten nutzen, um sichtbarer und bekannter zu werden. Lesen Sie im dritten Teil, wie Sie Architekturfotografie rechtssicher nutzen und sich sicher vermarkten.

Über den Autor

Architekturfotograf Philip Kistner (Foto: Philip Kistner)

Architekturfotograf Philip Kistner (Foto: Philip Kistner)

Philip Kistner ist selbstständiger Architekturfotograf aus Düsseldorf. Seit 2008 fotografiert er Bauwerke für nationale wie auch internationale Büros.

Mithilfe seiner Werke schafft er den Zugang zur Architektur. Denn die meisten Bauwerke erleben Menschen durch Bilder, ohne sie je besucht zu haben. Seine klare und geometrische Bildsprache erinnert an seinen Mentor Tomas Riehle, einem der stilsichersten Interpreten moderner Architektur. Mit seinen ausdrucksstarken Dokumentationen verhilft Philip Kistner Architekten und deren Bauwerke zu mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Weitere Informationen
Web: philipkistner.com, Instagram: @philipkistner, Linkedin: linkedin.com/in/philip-kistner

 

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