„Ich gehe nach einem Open-Source-Konzept vor“: BDA-Interview mit Architekt Sigurd Larsen über seine Arbeit und seine PR-Strategie

Sigurd Larsen
(Foto: Michael Brus)

In der Reihe „neu im club“ des Bund Deutscher Architekten BDA führte David Kasparek kürzlich ein Interview mit dem Architekten Sigurd Larsen. Es wurde im Oktober 2017 in der Zeitschrift „der architekt“ (Heft 5/17) veröffentlicht. Wir fanden das Interview sehr lesenswert, u. a. wegen Larsens Ausführungen zu seiner „Open Source-PR-Strategie“ (am Ende des Textes). Darum haben wir die Beteiligten um eine Zweitveröffentlichung gebeten. Besten Dank dafür!

Maßstabswechsel / Sigurd Larsen, Sigurd Larsen Design Architecture, Berlin

Ein kleines Ladenlokal mitten in Berlin Kreuzberg. Gegenüber der Passionskirche ist dies ein Ort, wo das alte Kreuzberg jenseits des nahen und durchgentrifizierten Bergmann-Kiezes noch den Charme der 1980er- und 1990er-Jahre atmet. Nebenan ein Späti, vor dem die Jungs auf dem Gehsteig einen Ball hin und her bolzen. Das Büro ist klein. Auf rund 70 Quadratmetern finden sich die Arbeitsplätze der momentan acht Mitarbeiter, eine kleine Modellbauwerkstatt, die „kleinste Küche der Welt“, im Keller ein kleines Lager, und ein zur Straße gelegener Besprechungsbereich. Sigurd Larsen serviert Biolimonade.

Veranstaltungshinweis: „neu im club“ im DAZ-Glashaus
Talk mit Sigurd Larsen: 26. November 2017, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion: 9. November bis 10. Januar 2017

David Kasparek: Warum sind Sie Architekt geworden?
Sigurd Larsen: Ich wollte eigentlich immer schon Architekt werden. Wie wahrscheinlich alle Dänen, habe ich viel und lange mit Lego gespielt – bis weit in meine Teenagerjahre hinein (lacht). Bis heute habe ich noch sehr viel Legosteine zuhause. Sie liegen in einer großen Schüssel, am Esstisch, und diese ist sehr beliebt bei meiner Nichte und meinem Neffen.

Das Spiel mit Lego als eine Art gestalterische Frühprägung also. Woher stammt die Begeisterung für Möbeldesign, das Sie auch erfolgreich betreiben?

Möbeldesign habe ich ebenfalls schon sehr früh gerne gemocht. Das hat mich bereits vor dem Architekturstudium interessiert. Das Architekturstudium in Dänemark ist ja sehr breit aufgestellt. Die Ausbildung dort dreht sich vor allem darum, dass man lernt, einen kreativen Prozess zu steuern. Ausgehend vom gleichen Grundmodul kann man dann Architektur, Möbeldesign oder Städtebau machen. Der Maßstab, in dem man arbeitet, entscheidet sich erst spät und man kann währenddessen viel ausprobieren.

Gibt es ein darüber hinausgehendes Interesse an Architektur in Ihrer Familie?

Nein, überhaupt nicht (lacht).

Wie wichtig war die Stadt Kopenhagen im Vergleich zum vorherigen Studienort Århus und den jeweils Lehrenden?

Die Städte waren ein wichtiger Part in meinem Studentenleben. In Århus bin ich aufgewachsen und habe dort meinen Bachelor gemacht. Dann bin ich zunächst zum Arbeiten nach New York gegangen, und später wieder zurück nach Kopenhagen. Dabei hat die Stadt sicher eine größere Rolle gespielt als die Universität.

Die Architekturausbildung in Århus genießt einen hervorragenden Ruf. Was machte den Reiz Kopenhagens aus?

Århus und Kopenhagen sind die beiden Universitätsstandorte für Architektur in Dänemark. Beide haben einen guten Ruf, wenngleich sie durchaus unterschiedlich sind. Århus ist stark international orientiert, während sich Kopenhagen ein wenig an die lange Tradition dänischer Architektur und dänischen Designs anlehnt. Eine Vergangenheit, auf die man so stolz ist, kann aber auch unpraktisch sein, weil offen bleibt, was das eigentlich für die aktuelle und kommende Generation bedeutet. Während die Lehrenden, die ich erlebt habe, in Århus stark auf das fokussierten, was in den USA, den Niederlanden oder der Schweiz passiert, wurde in Kopenhagen der Blick eher auf Dänemark und das übrige Skandinavien gerichtet. Aber Kopenhagen ist einfach die größere Stadt – und ich hatte Lust auf eine große Stadt. Danach bin ich ja nach Berlin gezogen, das nochmal deutlich größer ist.

Gab es Professorinnen oder Professoren, die für Sie wichtig waren?

Nein (lacht). Und zwar, weil viele der Professoren, die mich unterrichtet haben, zu einhundert Prozent akademisch unterwegs waren. Mein Interesse lag schon immer in der Praxis, zu bauen, und nicht nur theoretisch zu arbeiten. Ich habe später selbst unterrichtet als Assistent von Enrique Sobejano an der UdK in Berlin. Das war viel prägender in Sachen Lehre. Sobejano ist theoretisch, aber eben auch praktisch gut. Wenn wir von einem Vorbild sprechen, dann habe ich durch diese Mischung mehr gelernt als an der Universität. Sobejano selbst hat über Utzon gearbeitet und sich ein enormes Wissen über skandinavische Architektur erarbeitet. Durch diese Schnittstelle, und seine Art zu lehren, wurde ich stark beeinflusst.

Sie haben in den Büros von OMA in New York, MVRDV in Rotterdam oder COBE in Berlin gearbeitet …

Ja, und diese Büros haben alle eine direkte Verbindung – und zwar durch die beteiligten Personen. Die Gründer von COBE habe ich bei MVRDV getroffen, und Leute, die ich bei MVRDV kennengelernt habe, sind dann zu OMA gewechselt, wo ich später auch gelandet bin. Winy Maas von MVRDV war früher ebenfalls bei OMA. Das ist wie eine Art Stammbaum mit einer Gruppe von Menschen, die ähnliche Wege genommen haben.

Hat Sie die Arbeit und Atmosphäre in diesen Büros geprägt?

Absolut. Ich war im fünften Semester als Praktikant bei MVRDV, also noch relativ jung, das war sehr energetisch. Es war spannend und überaus witzig, dort zu arbeiten. Winy Maas hat eine extreme Energie, da fliegt in den Präsentationen schon mal Styrodur durch den Raum, und er spricht sehr schnell… Ich musste lernen, noch dazu auf englisch, meine Kernaussage sofort auf den Tisch zu werfen. In diesem Büro hat man einfach Spaß gehabt. Viel gearbeitet, aber mit Humor. Außerdem durfte ich auch als Jüngster im Team immer etwas zu den Projekten sagen.

Warum der Schritt nach Berlin?

Das war eher eine praktische Abwägung. Nach einigen Jahren Bauboom in Dänemark sind 2008, als ich mit meinem Studium fertig war, innerhalb eines Monats viele Projekte gestorben und die Büros stellten kaum noch neue Leute ein. Ich habe mich bei Topotek 1 in Berlin beworben, die ich durch ihre dänischen Projekte und die Zusammenarbeit mit MVRDV und COBE kannte.

Stand als Ziel immer fest, als selbständiger Architekt zu arbeiten?

Ja, das schon. Wie es dann aber letztlich dazu kam, ist eine Kette von Zufällen, die so nicht planbar war. Noch während des Studiums dachte ich, dass wir uns als Gruppe mit irgendeinem corporate name in Kopenhagen selbständig machen würden. Jetzt sitze ich plötzlich in einem anderen Land, habe eine Firma, die meinen Namen trägt, und mache auch noch Möbeldesign. Das war so nicht geplant, sondern ist einfach passiert (lacht).

Gibt es eine Gewichtung zwischen Architektur und Möbeldesign in Ihrer Arbeit?

Wir arbeiten zeitlich länger an den Architekturprojekten. Einfach, weil das Bauen mehr Zeit in Anspruch nimmt. Bei den Möbeln ist das anders. Da arbeiten wir sehr intensiv einige Wochen an einem Entwurf, dann gibt es eine relativ lange Wartezeit, in der die Prototypen gefertigt werden, und gegebenenfalls kommen noch kleine Änderungen dazu. Das heißt, das Projekt läuft rund ein halbes Jahr, aber wir arbeiten aktiv drei bis vier Wochen daran.

In der Architektur ist alles naturgemäß viel langwieriger. Was ich also täglich auf dem Bildschirm habe, sind meistens Gebäude und weniger Möbel. Führt diese Unmittelbarkeit im Design schneller zu einer Form von Befriedigung?

Ja, absolut. Man sieht einfach öfter etwas fertiges. Daher rührt, so denke ich, auch die Freude vieler Architekten am Kochen: Das ist ein kreativer Prozess, der oft nur eine Stunde dauert – und am Ende darf man sogar noch etwas leckeres essen …

Sie haben bisher vor allem in Dänemark einige Häuser fertiggestellt. Gibt es einen Unterschied im Bauen zwischen Deutschland und Dänemark?

In Dänemark geht es viel schneller, weil die Baugenehmigung zügiger vorliegt. Die wollen dass wir bauen. Deshalb gibt der Bezirk eine Bearbeitungsgarantie von 14 Tagen für eine Baugenehmigung. Von der ersten Skizze bis zur Schlüsselübergabe dauert es zwölf bis 13 Monate. In Deutschland warten wir zum Beispiel derzeit (Anfang September, Anm. d. Red.) seit Dezember auf eine Baugenehmigung. Es dauert hier also deutlich länger als in Dänemark.

Sigurd Larsen Design & Architecture, The Light House, Lejre, Dänemark 2016-2017, Foto: Sigurd Larsen

Was ist Grund für diesen Unterschied in der Baugeschwindigkeit?

Die Häuser, die wir fertiggestellt haben, liegen in der Nähe von Roskilde. Der Bezirk dort will das Bauen fördern, auch um Leute aus Kopenhagen abzuziehen. Dänen pendeln nicht gerne. In New York ist es ganz normal, eineinhalb Stunden zur Arbeit zu fahren, hier in Berlin auch. Aber in Kopenhagen landet man nach dieser Fahrzeit schon in einem Wald in Schweden (lacht). Man hat dort eine andere Vorstellung von Entfernung, und so versucht der Bezirk, in dem wir gebaut haben, eben seine Wirtschaftskraft zu stärken und den Menschen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Im Rahmen des Pecha-Kucha-Abends in Münster erzählten Sie, dass Ihr erstes gebautes Haus für Ihre Schwester geplant wurde. Wie wichtig ist es für den Schritt in die Selbständigkeit, eine Schwester zu haben, die ein Haus bauen will?

Sehr wichtig (lacht). Im Ernst: Für den Anfang ist das erste Haus ganz besonders entscheidend. Weil es im besten Fall Folgeprojekte nach sich zieht. Die Familie, für die wir dann später das Roof-House gebaut haben, sah das Haus meiner Schwester auf irgendeiner Website… Die Familien, für die die beiden Häuser in Roskilde entstanden sind, haben wiederum das Roof-House im Internet gesehen. Das ist also tatsächlich eine Kette. Das gilt auch für die Projekte in Deutschland und Österreich …

Wie kam es zu Ihrem Projekt in New York?

Das haben wir für ein Ehepaar entworfen, das ebenfalls Bilder des Hauses meiner Schwester im Internet auf blogs gesehen hat. Wir haben dann zunächst Emails ausgetauscht. Als ich das erste Mal mit dem Paar aus New York via Skype gesprochen habe, stellte sich heraus, dass die beiden schon über achtzig Jahre alt waren. Es ist das kleinste Projekt, das wir gemacht haben, aber ich bin sehr glücklich damit, weil die Bauherren wirklich sehr süß und überaus froh über das Ergebnis waren.

Wie oft sind Sie vor Ort, wenn Sie Projekte in Dänemark oder New York umsetzen?

In New York war ich tatsächlich nur einmal zu Beginn und dann wieder zur Schlüsselübergabe. Bei den Häusern in Dänemark ist das ähnlich. Einfach weil die jeweiligen Orte einfach zu verstehen waren. Dänemark ist ein flaches Land, da sind nur die Bewegung der Sonne und ein, zwei Ausblicke wirklich wichtig.

Wie gehen Sie entwerferisch vor?

Sehr klassisch. Alles wird in 2D und 3D am Computer gezeichnet, und wir bauen einige Modelle dazu. Wir drucken viel aus, zeichnen auf diese Ausdrucke und dann wird es wieder am Rechner in eine Reinzeichnung übertragen. Für das Gespräch mit den Bauherren fertigen wir häufig relativ abstrakte Modelle. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.

Ein bemerkenswertes Projekt sind die „Loft-Rooms“ für das Hotel Michelberger in Berlin. Wie kam es dazu?

Die Betreiber dachten eben, dass ich Möbeldesigner bin und wollten eigentlich nur einen Möbelentwurf haben. Als sie erfuhren, dass ich auch Architekt bin, hat sich das Projekt vergrößert. Das war eine wirklich tolle Zusammenarbeit, weil die beiden viel Energie und gute Ideen eingebracht haben. Man merkt, dass sie Hotelfachleute sind, die Erfahrung als Gastgeber haben, während ich nur die Erfahrung als Gast in einem Hotel habe. Das hat dem Projekt gut getan.

Betreiben Sie aktiv Projektakquise? Welche Rolle spielen Wettbewerbe?

Aktive Akquise betreibe ich so gut wie nicht. Wettbewerbe machen wir, wenn es zeitlich passt. Derzeit ist das Büro aber nicht darauf basiert, Wettbewerbe zu machen, und diese dann gewinnen zu müssen. Wir hatten einmal den Fall, dass wir hier mit einem guten Team im Büro saßen und auf die Baugenehmigung für ein Projekt gewartet haben, es gab nicht wirklich viel zu tun: Da haben wir dann einen Wettbewerb gemacht, einfach weil es Spaß machte. Und weil wir auch vom Maßstab und dem Raumprogramm her etwas anderes ausprobieren konnten. Eingeladen waren wir bislang nur einmal zu einem Wettbewerb für eine kleine Grundschule in Nordrhein-Westfalen, es waren nur fünf Büros geladen, und wir konnten tatsächlich gewinnen …

Das klingt nach einer „neuen“ Form von PR-Strategie: Dem Vertrauen auf die Stärke der eigenen Bilder, die ihre Wege durch Blogs, Social Media und Websites gehen und dort Aufmerksamkeit generieren, die dann irgendwann zu Aufträgen führt. Das berührt zentral die Themen Urheberrecht und Kontrolle über das eigene Werk. Wie gehen Sie da vor?

Ich lasse immer alles professionell fotografieren und sichere mir alle Rechte an den Bildern von den Fotografen. Das kostet natürlich Geld. Für mich ist es wichtig, dass wir über unsere Bilder verfügen können. Ich gehe nach einem Open-Source-Konzept vor. Die Fotos stehen auch auf unserer Website in relativ großer Auflösung zur Verfügung, können heruntergeladen und unter Nennung des Fotografen und unseres Namens veröffentlicht werden.

Ein Konzept, dass sich hinsichtlich der Akquise zu lohnen scheint. Gibt es auch Probleme damit?

Nicht wirklich. Aber in gewisser Weise manchmal lustige Anekdoten. Nachdem die Pläne und Fotos des Hauses für meine Schwester online gestellt wurden, bekam ich mehrere Emails von Leuten aus Asien und Amerika, die anfragten, ob sie eine Kopie davon haben könnten (lacht). Ich habe da immer sehr offen reagiert und ein Gespräch via Skype vorgeschlagen… Keiner hat sich jemals wieder gemeldet. Vielleicht gibt es irgendwo auf der Welt Kopien des schwarzen Hauses. Das ist aber eben der Preis, den man für solch ein Open-Source-Prinzip bezahlt.

Aber es geht auf. Sind Sie ein Kind unserer Zeit?

In gewisser Weise, ja. Ich habe das Büro 2010 gegründet, dies war die Zeit, in der Blogs wie Pilze aus dem Boden schossen und bekannt wurden. Außerdem hat Möbeldesign eine große Zielgruppe, die sich aus Kunst-, Mode-, Design-, Innenarchitektur-, Architekturblogs speist. Die Schritte sind seitdem immer die gleichen: Blogger schauen sich um, stoßen auf meine Website, veröffentlichen ein Projekt, Journalisten checken die blogs und kommen dann wieder auf mich zu, um über die Projekte zu berichten. Das wäre 1970 sicher ganz anders gelaufen.

Link: sigurdlarsen.com

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